Blau und Weiß ein Leben lang

Eine Kurzgeschichte

Blau und Weiß ein Leben lang

Das Klingeln des Weckers beendete die viel zu kurze Nacht. Er drehte sich um, griff nach dem Handy und wischte über den Bildschirm, um dem schrillen Ton ein Ende zu setzen. Das Display blendete ihn. 4.00 Uhr. Mit einem Seufzer drehte er sich wieder auf die andere Seite. Seine Freundin blinzelte und lächelte müde. „Warum tust du dir das denn immer noch an?“

Er streichelte ihr durchs Haar. „Weil es mein Verein ist.“

„Ja. Dein Verein, für den du heute wieder fünfhundert Kilometer auf irgendein Nest fährst, nur um ihn wieder verlieren zu sehen.“, sagte sie, gähnte und drehte sich wieder um. Früher war sie selbst ab und an mit zu den Auswärtsspielen der Mädels gekommen.

Er dachte kurz über ihre Worte nach, küsste sie auf die Wange und verließ das warme Bett. Regen prasselte auf das angekippte Badfenster, tat das nun schon seit zwei Tagen. Der Herbst war endgültig in Jena angekommen. 5.00 Uhr würde der Fanbus nach Willstädt-Sand abfahren. Auch dort würde das Wetter nicht besser sein. Doch zumindest der Duft des gerade durchlaufenden Kaffees hob seine Stimmung.

Zwanzig Minuten später, den Kaffeebecher in der Hand, die Kapuze über den Kopf und den Schal hoch über das Kinn gezogen, saß er in der Straßenbahn. Bis auf einige schlafende Partyheimkehrer war er der einzige Fahrgast. Eine gute halbe Stunde dauerte die Fahrt mit der Nachtlinie 34 zum vereinbarten Abfahrtspunkt, genügend Zeit, um die Gedanken kreisen zu lassen. Er dachte über das nach, was seine Freundin gesagt hatte. Sie hatte das nicht zum ersten Mal angesprochen. Er wusste, dass sie ihm das nie ausreden würde, schließlich wusste sie, wie wichtig dieser Fußball für ihn war, doch wusste er auch, dass sie sich sicher freuen würde, wenn er nicht nahezu alle zwei Wochen seine Sonntage dafür opferte, um für die Spiele quer durch die Republik zu fahren.

Warum tat er sich das noch an? Weil es ihn vom Alltag ablenkte? Bestimmt nicht. Längst war der Sport mit seinem Alltag verschmolzen und die gegenwärtigen Niederlagen verschafften ihm nur noch größere Sorgen. Weil er durch sein Hobby regelmäßig an die frische Luft kam? Der Regen, der am Fenster der Straßenbahn herunterrann, beantwortete diesen Gedanken. Oder tat er sich das gar an, weil er nichts Besseres zu tun hatte, als sonntags mitten in der Nacht aufzustehen, in ein fünfhundert Kilometer entferntes Dorf zu fahren, ein wenig rumzuschreien, sich wieder und wieder zu ärgern und anschließend frustriert und enttäuscht dieselben fünfhundert Kilometer wieder zurückzufahren? Er musste sich diesen Gedanken nicht beantworten. War es am Ende nicht einfach nur Fußball?

Der Kaffeebecher wurde leer, Linie 34 erreichte das Ziel und er lief durch den strömenden Regen hinüber zum Parkplatz. Er war nicht der Erste. Schwach beleuchtet stand der gemietete Kleinbus unter einem Baum, der kaum Schutz vor dem Herbstwetter bot. Die Mitfahrer, die mit dem Auto zum Treffpunkt gekommen waren, waren bereits da. Der kalten Nässe trotzend, standen sie da, die blauweißen Schals um den Hals und die Fanclub-Mütze auf dem Kopf und rauchten. Sie grüßten und lächelten verschlafen. Oder war es Resignation? Die nächste Niederlage am heutigen Tag beinahe schon wieder erahnend? Einer fragte ihn, was er für heute tippte. Das war fast schon Tradition. In kleiner Runde zusammenstehen, Erwartungen austauschen und auf die üblichen Verdächtigen warten, die, wenn sie mal nicht zu spät waren, zumindest auf den letzten Drücker erschienen.

Wie viele Jahre ging das nun schon so? Wo waren sie überall hingefahren? In Liga und Pokal nach Essen, Potsdam, München. Unvergessen das größte Spiel der Vereinsgeschichte: Das DFB-Pokalfinale vor über 30.000 Zuschauern in Köln 2010. Oder aber zu den Länderspielen nach Tschechien, Holland und Kroatien. Ja, der Fanclub, mit all seinen schrägen Vögeln war ihm genauso ans Herz gewachsen, wie die Mädels selbst. Gemeinsam hatten sie Höhen und Tiefen überlebt, gelacht, geweint, auch mal nach Niederlagen gefeiert, weil sie sich die Laune einfach nicht hatten verderben lassen, von der Vergangenheit geträumt, über die Zukunft spekuliert. Gegenseitig hatten sie sich wiederaufgebaut, wenn es mal nicht so lief. Über den Fußball hatte er viele Freunde fürs Leben gefunden, Leute in ganz Deutschland kennengelernt, die genauso verrückt waren wie er. All das hätte er verpasst, wäre er damals, vor vielen Jahren, nicht zufällig mal zum FF USV Jena ins Stadion gegangen. Aus einem einmaligen Nachmittag wurden gelegentliche Besuche, bis aus Gelegenheit schließlich Regelmäßigkeit wurde.

Ja, er hatte seine Antworten gefunden. Nicht nur hatte er durch die Jahre beim Frauenfußball Menschen getroffen, von denen er einige heute zu den wichtigsten in seinem Leben zählte, er hatte in diesem Verein seine Heimat gefunden. Er war an Orte gereist, die er ohne den Fußball vielleicht nie besucht hätte. Nicht zu vergessen, all die schönen Stunden, der Jubel nach wichtigen Siegen, die tollen Erinnerungen. Dafür war er seinem Verein, seiner zweiten Familie dankbar. Über Jahre hatte sich dieses Team seine Anerkennung, seine Unterstützung, sein Herz verdient.

 Nun durchlebte sein FF USV eine schwierige Zeit. Warum sollte er den Mädels gerade da den Rücken kehren? Kritiker hatten sie und der Verein genug. Zusammenhalt war also wichtiger denn je. Leute, die sich schützend vor dieses Team stellten, Leute, die wussten, dass die Mannschaft ja nicht absichtlich verlor und dringend Selbstvertrauen brauchte, um aus dieser stürmischen Zeit gestärkt hervorzugehen. Die Fanclubmitglieder wussten all diese Dinge. Darüber musste nicht gesprochen werden. Blau und Weiß ein Leben lang, die Losung der Jenaer Frauenfußballfans, war eben nicht nur eine leere Floskel, viel mehr ein Versprechen, das es in Zeiten wie diesen einzulösen galt.

 

~Ende~

 

Am Sonntag, dem 19. November 2017 war der FF USV Jena zu Gast in Südbaden. In der 83. Minute der Partie zwischen dem SC Sand und den Blau-Weißen aus der Saalestadt besiegelte die bosnische Nationalspielerin Milena Nikolić die siebente Niederlage in Folge. Ebenso lange hat die Mannschaft aus dem Paradies nun schon keinen eigenen Treffer erzielt.

Auch am Fanclub des Vereins geht die derzeitige Talfahrt nicht spurlos vorüber. Ob in Köln, Wolfsburg oder Sand, die treuen Schlachtenbummler sind dennoch überall dabei und werden den Weg auch weiterhin mitgehen. Die derzeitige Situation schweißt uns nur noch enger zusammen und an unseren Verein.

Wir sahen in Sand eine Mannschaft, die den Kampf angenommen hat. Die auch nach dem neuerlichen Rückstand nichts unversucht ließ, zumindest einen Punkt noch zu erkämpfen. Als Fans von diesem Team kämpfen wir auch in Zukunft an ihrer Seite!

 

 
Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.
Ok