Drei Jenaer Talente auf dem Weg zur EM-Qualifikation

Drei Jenaer Talente auf dem Weg zur EM-Qualifikation

Jena. Die Sonne über der Stadt ist längst untergegangen. Im Sportinternat sitzen die letzten Schülerinnen und Schüler noch im Speisesaal; andere schlurfen bereits stilecht in Adiletten durch das Foyer hinauf in den Wohnbereich. Dort, in einem der Gemeinschaftszimmer, sitzen Lara Schmidt, Maren Tellenbröker und Anna-Lena Riedel zusammen. Anna sitzt vor dem Fragebogen eines Fußballmagazins, das ein Kurzportrait über die 16-Jährige veröffentlichen möchte. Der Fragebogen verlangt die Information darüber, was die Mitspielerinnen über die Befragte denken und sagen. Und die reagieren sofort: „Rakete“, ruft Maren. Rakete? Ausgelassenes Gelächter. „Ja, weil du so schnell bist“, ergänzt Lara. Anna zögert kurz. „Kann ich das wirklich schreiben?“ Die Freundinnen nicken – und sie notiert es.

 

Die drei jungen Frauen besuchen die Eliteschule des Sports in der Saalestadt und treten in der B-Juniorinnen-Bundesliga für den FF USV Jena gegen den Ball. Dieser Tage reist das sympathische Trio als Mitglied des Kaders der U17-Nationalmannschaft zur EM-Qualifikation nach Lettland.

Gegner im Baltikum sind, neben der Gastgebernation, auch die Türkei und Wales. Die Zielstellung ist klar: „Drei Siege“, sagt Lara schmunzelnd und erhält Zustimmung.

Für alle ist es längst nicht das erste Länderspiel ihrer noch jungen Karriere. Lara und Maren kamen bereits als Kaderspielerinnen in diesem Jahr an das Sportinternat; Anna, die in Jena schon in ihre zweite Saison geht, reifte vor Ort zur Auswahlspielerin heran. Für die anstehenden Qualifikationsspiele stellt der FF USV mit drei direkt Nominierten und Torhüterin Stina Johannes, die auf Abruf bereit steht, die größte Abordnung im Kader. Das ist eine besondere Auszeichnung für den Verein. „Wir verfolgen die Philosophie, den Nachwuchs an die Bundesliga heranzuführen und zu Nationalspielerinnen zu formen“, erklärt Vereinstrainerin Anne Pochert. Ein Beispiel für die gute Arbeit sei Anna-Lena Riedel. „Sie hat hier bei uns eine tolle Entwicklung genommen und erntet nun die Früchte“, konstatiert Pochert sichtlich stolz.

 

Die Nachricht über ihre Nominierung erreichte die Spielerinnen vor drei Wochen auf dem Weg zum Auswärtsspiel nach Bremen. „Ich habe im Bus eine Mail bekommen“, sagt Lara, die sofort die mitgesandte Kaderliste studierte. Auch Maren und Anna standen drauf; die Freude war riesengroß. „Auch bei unseren Mitspielerinnen, die uns diesen Erfolg gönnen“, sagt Lara. Neid ist unter den jungen Spielerinnen im Verein nämlich kein Thema. „Wir sind ein Team, da steht eine hinter der anderen“, sagt Maren. Wie häufig die Jugendlichen bereits im Trikot der Deutschen Fußball-Bundes aufgelaufen sind, können sie spontan nicht genau sagen; Lara kommt auf elf, Maren auf sieben und Anna auf vier Einsätze. Zumindest ungefähr.

 

Am Donnerstag fahren die Spielerinnen zunächst mit dem Zug nach Frankfurt. Dort erhalten alle Teilnehmerinnen ihre Ausstattung. Nach einer Nacht im Hotel geht es am Freitag mit dem Flugzeug nach Riga. Dort erwartet die Nationalmannschaft ein straffes Programm. „Auf dem Plan stehen drei Spiele und jeden Tag Training“, erklärt Maren. Aufenthalte bei der Nationalmannschaft sind immer etwas Besonderes, denn: „Wir sammeln viele neue Erfahrungen und tanken neues Selbstbewusstsein“, betont Maren. Lara nickt zustimmend: „Immerhin messen wir uns dort mit den Besten!“

Dass sie es einmal in den erlesenen Kreis der Juniorinnen-Nationalkader schaffen würden, hatten die jungen Frauen am Beginn ihres Fußballerinnen-Laufbahn wohl nicht gedacht. Alle spielen seit frühesten Kindertagen; hatten sich zwischendurch aber auch in anderen Sportarten versucht. Lara probierte „drei, vier Monate“ Handball aus; Maren machte Kunstturnen und Bauchtanz – immerhin ist Bielefeld eine deutsche Hochburg dieses besonderen Sports. Letztlich hielten alle dem Fußball die Treue, spielten zeitlebens in gemischten Mannschaften an der Seite von Jungs. Mit zehn, elf Jahren wurden die Mädchen in die Regionalauswahlen berufen, später in die Landeskader. Irgendwann, beim Länderpokal, wurde der DFB auf die Talente aufmerksam.

Die Erinnerungen an das erste Spiel im Nationaltrikot sind noch frisch. „Das war ein sehr besonderer Moment“, sagt Lara. Und es war ein große Motivation, weiterhin mit aller Kraft zu trainieren, um den einmal betretenen Weg fortsetzen zu können. Auch die Entscheidung, die Heimat zu verlassen und in das Sportinternat zu ziehen, ist ein wichtiger Baustein auf dieser spannenden Reise. Den Schritt haben sich die jungen Frauen reiflich überlegt. „Als der Brief aus Jena kam, habe ich das direkt auch mit meinen Freunden besprochen“, erzählt Anna, die viel Zuspruch erfuhr. Auch Lara überlegte gründlich. „Ich denke, dass es ein guter Schritt war“, sagt sie.

Die Vorteile liegen auf der Hand: In Thüringen bleibt den Spielerinnen mehr Zeit für ihren Sport, die Wege zwischen Internat, Schule und Fußballplatz sind kurz. In früheren Vereinen standen in der Regel vier, in Jena stehen zumeist sieben Einheiten pro Woche auf dem Trainingsplan. Enger Takt, professionellere Abläufe. Eine Umstellung war für die Jugendlichen aber vor allem das Spiel in einer reinen Mädchenmannschaft. Dort sei das Tempo eben nicht ganz so hoch, als in gemischten Teams. Für das Trio ist die kleine Großstadt im Osten in jedem Fall der ideale Platz. „Jena ist der Standort, an dem wir uns entwickeln können, um eines Tages den Schritt in die Bundesliga zu schaffen“, sagt Lara. Dieser Traum eint die Freundinnen. Sie wissen jedoch: „Das ist noch ein weiter Weg!“

 

Text und Fotos: Benedikt Bernshausen

 

EM-Qualifikation der deutschen U17-Juniorinnen-Nationalmannschaft (in Lettland):

 

Sonntag   02.10.2016, 16:00 Uhr    vs. Lettland U17

Dienstag  04.10.2016, 12:00 Uhr    vs. Wales U17

Freitag     07.10.2016, 12:00 Uhr    vs. Türkei U17

 

Die Spielerinnen im Portrait:

 

Lara Schmidt

16 Jahre, aus Cleeberg (Hessen)

Bisherige Vereine: FC Cleeberg, TSG Gießen-Wieseck

In Jena seit: Sommer 2016

 

Maren Tellenbröker

15 Jahre, aus Bielefeld (Westfalen)

Bisherige Vereine: TuS 08 Senne I, VfL Theesen, SC Verl

In Jena seit: Frühjahr 2016

 

Anna-Lena Riedel

16 Jahre, aus Rollshausen (Niedersachsen)

Bisheriger Verein: SV Eintracht Gieboldehausen

In Jena seit: Sommer 2015

 

 
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