"Aktuell fühlen wir uns wie Bundestrainer"

Die FLYERALARM Frauen-Bundesliga pausiert aufgrund der Corona-Pandemie, die Spielerinnen des FF USV Jena sind zuhause und halten sich mit Individualtraining fit. Wir haben mit unserem Trainer Christopher Heck über die aktuelle Lage und seinen derzeitigen Alltag gesprochen.

"Aktuell fühlen wir uns wie Bundestrainer"

Hallo Chris, es freut uns, dass es mit dem Interview klappt. Da im Moment kein Training stattfinden kann, solltest du doch eigentlich genug Zeit haben.

Das stimmt so nicht. Über fehlende Aufgaben kann ich mich nicht beschweren. Die Mannschaft hat  ihren individuellen Plan, den mein Co-Trainer Thilo Osterbrink und ich ausarbeiten und den wir dann kontrollieren. Dazu helfe ich während der Corona-Krise bei verschiedenen Aktionen, gehe zum Beispiel für Nachbarn, die nicht aus dem Haus können, einkaufen. Außerdem helfe ich meiner Tochter, die gerade nicht zur Schule gehen kann, bei den Hausaufgaben.

Das klingt spannend, kannst du uns mehr zum Einkaufen erzählen?

Ich habe mich vor einigen Wochen auf der Plattform nebenan.de angemeldet, dazu haben wir eine Aktion mit den Nachbarn bei uns im Haus. Anfangs hatte ich hier viele Aufträge, mittlerweile geht es etwas zurück, da in Jena nun Maskenpflicht beim Einkaufen herrscht und sich wieder mehr Leute selbst in den Supermarkt trauen. Die Einkäufe trage ich dann mit meinem Fahrrad in der Stadt aus.

Wie schätzt du die aktuelle Lage insgesamt ein?

Es ist eine nie dagewesene Situation für alle. Aber sie bietet uns allen die Möglichkeit zu hinterfragen, ob es richtig war, wie wir uns bisher immer verhalten haben. Höher, schneller, weiter – das fällt uns nun auf die Füße. Das Leben entschleunigt sich, die Natur erholt sich; auf einmal sieht man Füchse oder Rehe in Jena auf der Straße. Da bin ich mit einem guten Gefühl draußen an der frischen Luft. Aber natürlich stellt sich auch die Frage, wie wir die Krise in den Griff bekommen und das Virus wirksam bekämpfen. Ich bin zuversichtlich, da sich die meisten Menschen sehr diszipliniert verhalten. Aber niemand weiß, wo es langgeht, vor allem wirtschaftlich. Die Frage wird sein, was nach Corona passiert. Ich denke, wir müssen uns auf große Herausforderungen und Änderungen einstellen.

Was bedeutet die Lage für die tägliche Trainerarbeit?

Zunächst einmal steht momentan die Gesundheit vor allem anderen, erst recht vor dem Fußball. Ich telefoniere regelmäßig mit meinen Kollegen in der FLYERALARM Frauen-Bundesliga und wir bereden, wie es weitergehen kann. Aktuell fühlen wir uns alle eher wie Bundestrainer.

Was haben Martina Voss-Tecklenburg und Chris Heck gemeinsam, außer dass sie beide den FF USV Jena bestens kennen?

Wir arbeiten im Moment als Trainerteam so, wie wenn wir Mitte Mai wieder in den Spielbetrieb einsteigen könnten, falls die Saison fortgeführt wird. Dann würde es wohl so sein, dass wir innerhalb von sechs bis acht Wochen die restliche Saison zu Ende spielen müssten. Das ist eine komplett andere Belastung wie sonst im Ligaalltag, eher vergleichbar mit der bei einem großen Turnier. Die Spielerinnen müssen in diesen sechs Wochen zu einhundert Prozent funktionieren. Aber ob es am Ende so kommt, werden wir sehen. Wir sind alle gespannt, welche Lösung hier gefunden wird.

Wie läuft denn aktuell die Kommunikation ab, wenn man sich nicht im täglichen Training sieht? Wie weiß man, was der andere tut?

Thilo und ich telefonieren täglich oder wir treffen uns an der frischen Luft, mit ausreichendem Sicherheitsabstand natürlich. Da besprechen wir dann die Trainingspläne für die Mannschaft, koordinieren und werten aus. Es bekommt nicht jede Spielerin die gleichen Aufgaben, wir stellen das individuell von der passenden Belastung her zusammen. Mit den Spielerinnen sind wir über die sozialen Medien in engem Kontakt.

Training individuell – aber Fußball ist doch ein Mannschaftssport. Passt das zusammen?

Natürlich fehlen wichtige Aspekte eines Mannschaftstrainings, insbesondere der Umgang mit dem Ball. Wir müssen die Balance finden, dass wir nach den Aufhebungen der Beschränkungen am Ende nicht zwanzig Marathon-Läuferinnen haben, die aber nicht zusammen Fußball spielen können. Deswegen wäre es gut, wenn wir zu gegebener Zeit zumindest wieder in Kleingruppen auf den Platz könnten, so wie es bei den Männern in der Bundesliga geschieht.

Wie dürfen wir uns die Trainingspläne vorstellen? Laufen gehen im Park, Liegestütze zu Hause – wird das nicht auf Dauer langweilig und eintönig?

Wir versuchen, möglichst vielfältige Übungen vorzugeben. Natürlich gehören Läufe dazu. Das lässt sich gut überprüfen mit entsprechenden Apps, mit denen uns die Spielerinnen ihre Werte zuschicken. Auch Kraftübungen lassen sich im Video gut dokumentieren. Um den Mannschaftsgedanken nicht zu kurz kommen zu lassen, haben wir kleine Wettbewerbe eingerichtet. Zum Beispiel muss das Team insgesamt eine bestimmte Anzahl Kilometer in einer entsprechenden Zeit schaffen. Wenn eine Spielerin langsamer ist, muss es die andere wieder ausbessern – genau wie im Spiel. Auch Kraft- und Stabilitätsübungen oder kognitive und koordinative Aufgaben stehen auf dem Programm, natürlich auch mit Ball. Wir wechseln wöchentlich die Schwerpunkte, als nächstes bieten wir zusätzlich einen kleinen Yogakurs für zuhause an. Vielleicht probieren wir auch einmal eine gemeinsame Trainingseinheit mit Videochat, das wird sicherlich interessant.

Vielen Dank für deine Antworten, Chris! Bald sehen wir uns wieder auf dem Platz! Bleib gesund!

 

Fotos: Hannes Seifert / FF USV Jena

 

 
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